Letzte Hilfe

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Mit der Vorahnung, dass es heute Nacht wieder passieren könnte, tastete sie nach ihren Augenlidern, streichelte über die feinen Risse, und für den Moment der Berührung war der quälende Juckreiz verschwunden.

Sie wusste, das Jucken würde zurückkommen, aber sie konnte nicht ewig ihre Augen geschlossen halten, um sich zu kratzen. Sobald sich ihre Fingernägel einer anderen Stelle widmeten, dem schuppigen Ekzem hinter dem Ohr etwa, würde das Brennen wieder auflodern und nach einer Behandlung schreien, die es nicht gab.

Sie schluckte Tabletten, rieb sich mit Cremes, Gels und Lotionen ein, machte Sitzbäder, wechselte ihre Nahrung, Matratzen und Waschmittel, bedampfte ihre Zwei-Zimmer-Wohnung mit ätherischen Ölen, war vom Land in die Stadt und zurück ins Grüne gezogen, schlief mit Handschuhen und offenem Fenster, und das einzige, was nützte, war ihre gut sortierte Hausbar, deren Inhalt sie zumindest für einige Stunden ihre Verzweiflung über all die Fehlschläge vergessen ließ.

Kaum jemand ahnte etwas von den Höllenqualen, die ihren Alltag bestimmten. Sie hatte gelernt, die äußerlich sichtbaren Zeichen perfekt zu überschminken, und um nicht aufzufallen, hielt sie zu ihren Mitmenschen Abstand - etwa so viel, wie ein verurteilter Stalker zu seinem Opfer einhalten muss.