Letzte Hilfe

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Sie hatte alles versucht, wirklich alles, um die Neurodermitis (die Ärzte waren sich nicht mal sicher, ob es eine war) in den Griff zu bekommen: hatte sich ihre Haare abrasiert, damit die Wurzeln mehr Luft bekamen, sie wieder wachsen lassen und sich durch ein Supermarktregal voll Allergieshampoos gearbeitet; hatte sich in der Dusche auf die Füße gepinkelt und sich an den intimsten Stellen mit Cortisonsalbe eingerieben. Genauso gut hätte sie einen Brief an den Weihnachtsmann schreiben können.

Vorgestern, an einem weiteren Tiefpunkt in einer endlosen Serie von Tiefpunkten, hatte sie sogar mit ihrem Morgenurin gegurgelt - "Mittelstrahl, zehn Minuten nach dem Aufstehen", hatte das Handbuch der alternativen Heilmethoden geraten. Im Klo stank es noch immer nach Kotze.

Das Telefon klingelte, und sie zuckte zusammen, obwohl sie jede Minute mit einem Anruf gerechnet hatte. Nur deshalb schlug sie sich doch an diesem bescheuerten Schreibtisch die halbe Nacht um die Ohren. Obwohl das immer noch besser war, als sich zu "untersuchen", wie sie es regelmäßig tat, wenn sie nicht abgelenkt war. Es war wie eine Sucht. Manchmal stand sie mitten in der Nacht auf und ging ins Bad, um zu sehen, ob Es noch da war. Natürlich war es das. Neurodermitis war nicht wie Geld oder ein Liebhaber. Sie verschwand nicht einfach so über Nacht.